Bilder zu Krankenhäusern

Wie kann - Wie muss es weitergehen?

Kooperation mit niedergelassenen Ärzten und Ärtzinnen

 

Neue Formen der Zusammenarbeit für eine bessere Patientenversorgung

 

Will man die Kooperation der Selbsthilfe mit Krankenhäusern weiterentwickeln, gilt es auch die Themen aufzugreifen, die für das Engagement vieler Selbsthilfegruppen bestimmend sind, um zu einer besseren Patientenversorgung beizutragen. Es gilt also auch den Blick auf die Erfahrungen von Patienten und ihre Forderungen hinsichtlich der medizinischen Behandlung zu richten, um die Kooperation auch inhaltlich zu füllen.

 
Schaut man sich Forderungen von Patienten in Selbsthilfe an, dann geht es um folgendes: Patienten suchen – wenn sie eine schwere Krankheit behandeln lassen müssen –„gute“ Ärzte/innen und erwarten von der Gesundheitspolitik, dass sie für die Suche danach die Voraussetzungen schafft. Es herrscht offensichtlich Einigkeit darüber, dass die Stärkung der Rolle von Patienten als Nachfragende im Gesundheits“markt“ dabei eine besondere Rolle spielen muss. Der Rahmen für den Diskurs scheint klar zu sein: Notwendig ist die Bereitstellung von differenzierter Information und die Schaffung von Transparenz zur medizinischen Versorgung für ein Mehr an souveräner Entscheidung und Wahlmöglichkeit. Das gilt auch für eine Ausweitung der Patientenberatung und bessere Beteiligungsmöglichkeiten im System. Gefordert wird auch eine Kodifizierung der Patientenrechte sowie die Ausweitung integrierter Versorgungskonzepte und strukturierter Behandlungsprogramme, auch unter Einbindung von Betroffenen und Selbsthilfeorganisationen. Endlich werden Patienten und Patientinnen – so die Versprechen der Politik – im Mittelpunkt stehen.

 

Befragt man Patienten in Selbsthilfeorganisationen dazu, dann ist die erste Reaktion ein klares Votum für diese Absichten und Forderungen, deren Realisierung sie energisch einklagen. Aber es gibt eine zweite Reaktion. Es ist der Zweifel daran, ob sich tatsächlich etwas am faktischen strukturellen Ungleichgewicht zwischen Patienten auf der einen Seite und Leistungserbringern und Kostenträgern auf der anderen Seite ändern wird. Der Zweifel wird genährt durch die langjährige Erfahrung, dass die Anliegen von Patienten zwar immer oben auf der Vorhabenliste stehen, sie aber im Alltag nur bedingt Gehör finden.

 

So haben z.B. vor Jahren Berliner Selbsthilfeorganisationen in der so genannten „Berliner Mängelliste“ ihre Kritikpunkte und „Qualitätsanforderungen an gesundheitliche Versorgung aus Patientensicht“ mit dem Ziel zusammengetragen, ihre Erfahrungen mit Behandlung und Versorgung für eine Veränderung nutzbar zu machen. In dieser Liste werden Mängel benannt und
daraus fachpolitische Forderungen abgeleitet.

 

Es sind sowohl alltägliche Aspekte als auch weit reichende politische Ziele. An erster Stelle steht – wie aus vielen Patientenbefragungen bekannt ist – der Wunsch nach mehr Zeit in der Behandlungssituation, für umfassende Beratung und Aufklärung. Versorgung soll ohne Zeitdruck stattfinden. Patienten wollen mit ihren Sorgen wichtiger sein als Ablauforganisationen und suchen empathische und kompetente Unterstützung bei der Entscheidungsfindung. Aufklärung und Beratung soll nicht über Vordrucke erfolgen. Sie verweisen dabei darauf, dass der Wunsch nach souveräner Entscheidung und die dringende Bitte nach Unterstützung im Sinne einer ganzheitlichen und am individuellen Menschen orientierten Behandlung, kein Widerspruch sind. Es ist ein klares Votum für mehr „sprechende Medizin“. Die Sorge ist jedoch groß, dass die ökonomischen Zwänge und immer weniger Personal in Kliniken oder die Logik der Fallpauschalen dafür kontraproduktiv sind.

 

Die Debatten um Leitlinien, Evidenzbasierung oder strukturierte Behandlungsprogramme und sektorenübergreifende Behandlung werden – bei denjenigen, die überhaupt wissen, was damit gemeint ist – immer auf diesem Hintergrund, dem Wunsch, als Mensch und nicht als Fall gesehen zu werden, diskutiert.

 


Forderungen aus der „Mängelliste“ (Auszüge):

 


Notwendig ist mehr Transparenz zur Qualifikation, Kompetenz und Erfahrung der Ärzte. Es müssen Formen gefunden werden, wie die (auch in Fortbildungen erworbene) Kompetenz des Arztes für Patienten sichtbar gemacht werden kann. Es muss nachvollziehbare Qualitätskontrollen und Qualitätsstandards für Ärzte geben und die Ergebnisse von Qualitätsentwicklung und -kontrolle müssen soweit öffentlich gemacht werden wie sie für Patientenbelange von Bedeutung sind. Das hat nichts mit einem ‚Pranger‘ zu tun, sondern mit der Schaffung von Anreizen zur Qualitätsverbesserung. Zu den Kriterien, die Patienten unter „gut“ verstehen, gehört z.B. die Bereitschaft zur Kooperation. So sollten Allgemeinärzte Patienten rechtzeitig an Fachärzte überweisen und / oder gezielter und systematischer mit diesen oder auch mit Kliniken zusammenarbeiten. Es wird vorgeschlagen, dass Ärzte, die regelmäßig Patienten zu einer bestimmten Krankheit behandeln, gemeinsam mit Patienten Qualitätszirkel besuchen sollten, um Behandlungserfahrungen auszutauschen und vorhandenes Wissen zu bündeln. Das gilt auch und gerade für verbreitete Krankheiten wie z.B. Parkinson, Demenz, Schlaganfall, Anfallserkrankungen, für die oft erschreckend lange Diagnosezeiten zu verzeichnen seien. Auch die Zusammenarbeit mit Selbsthilfe-Initiativen ist für Patienten ein Indikator für die „Güte“ eines Arztes. Vor allem aber wird von Patienten die ärztliche Bereitschaft gewünscht, eigene Grenzen einzugestehen oder auch Fehler zuzugeben. Vielleicht könnte man viel schneller zu einer anderen Kultur der Fehlervermeidung in der medizinischen Versorgung kommen, wenn nicht (gedeckt durch das Haftungsrecht) der Mythos von der umfassenden Kompetenz und der Unfehlbarkeit aufrechterhalten werden müsste. Ein Schritt in Richtung zu mehr Transparenz des Behandlungsgeschehens könnten z.B. auch Patientenquittungen sein (die in der Mängelliste auch gefordert werden). Die Nachvollziehbarkeit des Behandlungsgeschehens wird dabei weniger aus Gründen der finanziellen Kontrolle gewünscht – ein Motiv, das eher für die Kostenträger gilt – , sondern mehr als Beleg für einen partnerschaftlichen Umgang von Arzt und Patient. Dazu gehört auch, dass das Recht auf Einsicht in Behandlungsergebnisse und –unterlagen konsequent umgesetzt werden, was offensichtlich noch immer nicht selbstverständlich ist.

 


Betrachtet man die unterschiedlichsten Patientenbefragungen der letzten Jahre, so zeigen sie, dass sich der Tenor der prioritären Anliegen nicht wesentlich geändert hat. Die Patientenanliegen sind bekannt. Solange Standesorganisationen (Kassenärztliche Vereinigungen, Arztverbände und Ärztekammern) eher schützend den Status quo verteidigen, statt sich selbst zum offensiven Akteur für mehr Zeit in der Behandlung, ganzheitlicher Zuwendung und Qualitätstransparenz zu machen, bleibt der Zweifel der Patienten an wirksamen Veränderungen bestehen. Das gilt insbesondere dann, wenn immer mehr Kosten den Patienten direkt aufgebürdet werden sollen und sie das Gefühl haben müssen, die Zahlmeister zu sein.